Interstate 5
April 1992. Ich sitze im Bus von Seattle nach Bellingham Richtung
kanadische Grenze. Fühle mich fast wie im Schwarzwald. Der
Highway führt durch sattgrün bewaldete Hügel
und Berge. Eine dichte Reihe von riesigen Bäumen
säumt die "Interstate 5". Ich schließe die Augen und
stelle mir vor, wie ich in einigen Wochen in meinem
geländegängigen Auto die Serpentinen von Freiburg
nach Todtmoos hochdüse und oben hinter dem Schauinsland den
ersten Heuduft schnupper'.
Plötzlich stöhnt der ganze Bus - vor Entsetzen. Alle
starren nach rechts. Als ich rausschaue, setzt für Sekunden
mein Herzschlag aus: Hinter den Bäumen entlang des Highway -
eine zerstörte, verstümmelte, schmutziggraue
Landschaft. Kein Wald. Vereinzelt ragen hier und dort Bäume in
den Himmel. Keinerlei Vegetation, totes Gestrüpp, trockene
Grasnarben. Keine Tiere, keine Vögel. Was ist das?!
In der nächsten Kurve ist alles wieder normal, als ob's nur
ein Spuk gewesen wäre. "Sie ermorden unser Land!" "Sie
zerstören unsere Zukunft!" sind die zitierfähigen
Kommentare meiner Mitreisenden. Eine Frau vor mir weint. Auch mir
kommen die Tränen.
"Sie holzen hier schon seit Jahren ab," erklärt mir meine
Freundin, später am Samish Lake bei Bellingham, "wir haben es
viel zu spät bemerkt. Die Holzfäller kommen von weit
her, unsere Leute hätten Alarm geschlagen. Jetzt
kämpfen wir gegen Gesetze, Paragraphen, Verträge. Wir
ketten uns an die Bäume und schützen so, was noch
übrig ist. Mit unseren Körpern. Sag bloß,
du wußtest nichts davon?!"
Nein, davon wußte ich damals noch gar nichts...